Bergmeisterschaft-EM: Jörg Weidinger verteidigt Titel
Im knallroten BMW M3 zum Titel: Jörg Weidinger
Sichtlich erleichtert zeigte sich Jörg Weidinger nach dem Gruppensieg beim vorletzten Saisonlauf der FIA Europa-Bergmeisterschaft in der Schweiz: „Ich freue mich riesig über den vorzeitigen Titelgewinn, gerade die zweite Saisonhälfte war sehr hart, jeder kleinste Fehler hätte urplötzlich das Ende der Titelambitionen bedeuten können.“ Genau die Bergpiste St. Ursanne-Les Rangiers war aus dem letzten Jahr noch in schlechter Erinnerung, ein Aquaplaningunfall auf der sehr schnellen Strecke bedeutete vor Jahresfrist fast das Ende der Titelträume. In diesem Jahr sollte jedoch alles anders werden, bereits im Training wurde der Streckenrekord inoffiziell unterboten. Am Renntag konnte er mit zwei klaren Laufbestzeiten neben dem nötigen Gruppensieg in der Gruppe N (Serien-Produktionswagen) auch einen neuen Rekord in 2:19,57 Minuten für die 5,1 Kilometer lange Strecke und die erfolgreiche Titelverteidigung feiern. Auch dank eines Sieges seines Freundes Alfred Hilger (BMW M3) vor Weidingers stärkstem Titelkonkurrenten Dan Michl (Skoda Oktavia Kit-Car) in der Gruppe A bleibt der Titel des Berg-Europameisters auch in diesem Jahr beim BMW-Fahrzeugingenieur aus Happurg.
Nachdem die ersten fünf Saisonrennen teilweise nur knapp gewonnen werden konnten, stand mit dem Bergrennen Trento-Bondone (Italien) Anfang Juli der Höhepunkt der europäischen Bergsaison auf dem Programm. Ziemlich genau 217 Kurven inklusive fünf Ortsdurchfahrten auf 17,3 Kilometern hinauf auf den Monte Bondone stellen ganz besondere Anforderungen an Material und Fahrer und sind einmalig in Europa. Nach sehr guten Trainingsleistungen wurden bei Weidingers Team wegen der starken Materialbelastung durch das Anbremsen von über 40 Spitzkehren vor dem Rennen neue Bremsscheiben und -beläge montiert, was sich allerdings als fatal erweisen sollte. Ein unerkannter Bearbeitungsfehler erzeugte eine große Unwucht, so dass Jörg Weidinger das Fahrzeug schon nach wenigen Metern aus Sicherheitsgründen abstellte. Der Traum, die „Universität der Bergrennen“ zu gewinnen erfüllte sich leider in diesem Jahr nicht. Mit Lino Vardanega (I) fiel ein weiterer favorisierter EBM-Permanentstarter im Rennlauf der Technik zum Opfer, und so konnte mit Riccardo Ragazzi (beide BMW M3) auf den Spitzenplatz rücken und seine Führung in der Italienischen Bergmeisterschaft ausbauen. Glücklicherweise konnte der Ausfall als Streichresultat der ersten Saisonhälfte verbucht werden und schadete dem bisher makellosen Punktekonto nicht.
Fünf Tage später machte der Tross der Bergrennfahrer bereits im italienischen Rieti nahe Rom Station. Hier wurden als „Joker“ relativ harte Rennreifen verwendet, die ihren Ursprung auf der Rundstrecke haben und in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft eingesetzt werden. Dies sollte sich angesichts der hohen Außentemperaturen und der Länge der Strecke als Glücksgriff erweisen: Jörg Weidinger konnte seinen eigenen Gruppe-N Streckenrekord aus dem Vorjahr auf der sehr flüssigen Strecke um fast fünf Sekunden auf 7:05,16 Minuten verbessern. Mit ein bisschen Ärger über den vorangegangenen Ausfall im Bauch fuhr er auf der über 15 Kilometer langen Rennstrecke damit einen absolut ungefährdeten Gruppen- und Klassensieg vor den Italienern nach Hause.
Beim folgenden Lauf „Slovakia Matador“ zeigte der junge Tscheche Vladimir Doubek, der über sechs Jahre Erfahrung in der Berg-Europameisterschaft verfügt und im vergangenen Winter einen BMW M3 aufgebaut hatte, bereits im Training, dass der Sieg nur über ihn gehen würde. Dasselbe Bild auch nach dem ersten Lauf: Doubek knapp vor Weidinger. Nur mit einem Satz neu aufgezogener Dunlop Rennreifen, einem „Ritt auf der allerletzten Rille“ und Dank eines minimalen Leitplankenkontakts des Tschechen konnte Jörg Weidinger nach dem zweiten und entscheidenden Rennlauf ganz knapp die Oberhand behalten und einen weiteren Sieg einfahren.
Beim Bergrennen Mont-Dore im französischen Zentralmassiv Anfang August machten den Fahren die unerwartet kalten Temperaturen unter 10 Grad und Nebel zu schaffen. Es gestaltete sich sehr schwierig, am Fahrwerk das richtige Setup zu finden, um die Reifen auf Temperatur zu bringen. Vladimir Doubek erwies sich auch hier abermals als größter Konkurrent, die Eingewöhnungszeit des 25-Jährigen in sein neues „Arbeitsgerät“ schien endgültig beendet. Eine weitere Herausforderung für Weidinger waren die Teilnehmer der Französischen Bergmeisterschaft, die dort ebenfalls einen Wertungslauf ausfuhren und ihrerseits über 20 weitere Fahrzeuge in der Gruppe N (zumeist BMW M3) stellten. Allerdings wurden die nach dem ersten Wertungslauf bestplatzierten BMW’s zweier Franzosen wegen nicht Regelkonformer Auspuffanlagen disqualifiziert. Jörg Weidinger konnte, begünstigt durch einen Sicherheitslauf Doubeks in der ersten Auffahrt sowie eine optimale Fahrt am Rande des Möglichen seinerseits, knapp 1,3 Sekunden Vorsprung herausfahren, um im zweiten Lauf ohne volles Risiko Doubek den Vortritt zu lassen und trotzdem knapp gewinnen.
Auf der Schweizer Bergrennstrecke St. Ursanne im Kanton Jura konnte nun die erfolgreiche Titelverteidigung nach einer harten Saison bereits vor dem letzten EBM-Lauf Buzetski Dani Most (Kroatien) gefeiert werden. Eine minimale theoretische Chance des gebürtigen Italieners und Wahl-Monegassen Piergiorgio Bedini (Alfa Romeo 147), in diesem Fernduell den Titel beim letzten EBM-Lauf mit einem Gruppensieg in der Gruppe der Super-Produktionswagen doch noch zu gewinnen ist nur rechnerischer Natur.
Die Frage nach der motorsportlichen Zukunft, beantwortet der für den Motorsportclub Lauf startende Jörg Weidinger mit gemischten Gefühlen. „Ich würde einerseits natürlich gerne versuchen, meinen Titel nochmals zu verteidigen, da die anspruchsvollen europäischen Bergrennstrecken und die Duelle mit internationalen Konkurrenten riesig Spaß machen und die Atmosphäre jedes Rennens auf irgend eine Weise speziell und einmalig ist. Andererseits kann man nach zwei klaren Meistertiteln im Grunde nur verlieren. Außerdem besteht die Gefahr, dass ein weiterer Titel aufgrund mangelnder Konkurrenzfähigkeit meines BMW M3 im nächsten Jahr aber nicht mehr möglich sein könnte. Daher bin ich momentan für alles offen.“