 |
Interview: „Echter Wettbewerb ist das beste Forschungslabor“

|
 |
Klare Positionen zum weltweiten Engagement von Michelin: Frédéric Henry-Biabaud |
 |
 |
 |
 |
| Er ist der Kopf sämtlicher Motorsport-Aktivitäten des Michelin Konzerns: Frédéric Henry-Biabaud leitet seit Anfang 2006 die erfolgreiche Rennabteilung in Clermont-Ferrand. Dazu gehören neben der Formel 1 auch Engagements in der Rallye-Weltmeisterschaft, der Motorrad-Königsklasse MotoGP, verschiedenen Langstreckenrennserien mit dem Highlight Le Mans und viele nationale Kategorien. Im Interview erklärt Biabaud die Motorsport-Philosophie seines Hauses und wirft einen Blick in die Zukunft nach dem Formel 1-Rückzug
Monsieur Henry-Biabaud, wie bewerten Sie den bisherigen Verlauf der Formel 1-Weltmeisterschaft?
Frédéric Henry-Biabaud „Michelin und seine Partnerteams haben acht der bisherigen 13 Grands Prix gewonnen – eine sehr zufriedenstellende Ausbeute. Die Genugtuung ist umso größer, da wir in diesem Jahr einen echten Wettbewerb zwischen zwei Reifenherstellern auf Augenhöhe erleben, was 2005 so nicht der Fall war. Darüber hinaus mussten wir im Winter kurzfristig auf das geänderte Reifenreglement reagieren, eine Entwicklung, mit der wir nicht gerechnet hatten. Außerdem haben wir im Sinne der Formel 1 freiwillig eine, wie ich finde, sehr verantwortungsbewusste Initiative gestartet, um die Reifenversorgung der Teams gleichmäßiger zwischen unserem Wettbewerber und uns aufzuteilen. Wir wissen, dass unsere Produkte unseren Partnern diese Erfolge ermöglicht haben und ich bin naturgemäß sehr zufrieden mit dem, was jedes Mitglied unserer verschiedenen Abteilungen in Clermont-Ferrand bisher geleistet hat.“
Wie wichtig wäre ein zweiter WM-Titel in Folge für Michelin?
Frédéric Henry-Biabaud „Der bevorstehende Abschied von Michelin aus der Formel 1 bedeutet das Ende des Wettbewerbs von zwei großartigen Reifenherstellern auf höchstem Niveau. In dieser Saison muss jedes Team – vorläufig zum letzten Mal – die ideale Balance aus vier Schlüsselfaktoren finden: Chassis, Motor, Fahrer und Reifen. Deswegen wäre es extrem befriedigend, wenn wir uns in dem Wissen verabschieden könnten, einem unserer Partner zum Titel verholfen zu haben. Es würde die Qualität der Michelin Produkte erneut unterstreichen.“
Warum kommt Ihrer Ansicht nach den Reifen in dieser Saison so eine immens wichtige Rolle zu?
Frédéric Henry-Biabaud „Im Moment liegen viele Autos von ihrer Performance her gleichauf – da kann der Umgang mit den Reifen einen großen Unterschied machen. Leider führt das zu der oft gehörten Theorie, die Formel 1 sei bloß ein Kampf der Reifenhersteller – diese Sichtweise ist ja auch ein Grund dafür, ab 2008 ein Reifenmonopol in den Regeln festzuschreiben. Ich finde das sehr schade. Reifen sind das verbindende Element zwischen einem Monoposto und der Fahrbahn und es stimmt, dass sie so oder so einen Unterschied von einigen Zehntelsekunden ausmachen können. Michelin ist nicht umsonst Weltmarktführer. Uns ist klar, dass die Leute auf unsere Pneus zurückgreifen, weil sie sich davon einen Vorteil versprechen. Ob im Motorsport oder im Straßenverkehr – Reifen sind einer der bedeutendsten Faktoren im Gesamtsystem Auto. Sie stellen den Stand der Technik dar, ein Stück absoluter Hightech, in dem Sicherheit und Performance zusammenfließen.“
Durch den Rückzug von Michelin am Ende dieser Saison wird es in der Formel 1 bereits 2007 nur noch einen Reifenlieferanten geben. Glauben Sie, dass der sportliche Wettbewerb dadurch an Intensität verliert?
Frédéric Henry-Biabaud „Nun, auf jeden Fall wird es keinen ,Reifenkrieg' mehr geben, also müssen sich einige Leute ein neues Thema suchen … Aber im Ernst: Es wird weniger Wettbewerb im wahren Wortsinne geben, da ein entscheidender Faktor im Paket fehlt, über den sich ein Vorteil erreichen lässt. Unter diesen Umständen liegt die Frage nah, warum sich ein Reifenhersteller überhaupt engagieren soll. Abgesehen von einer kleinen Steigerung der Markenbekanntheit – wo liegt der Reiz? Wie unser verstorbener Konzernchef Edouard Michelin sagte: ,Aus einer Rennserie, in der dasselbe Produkt Erster und Letzter wird, steckt für Michelin keinerlei Marketing-Wert.' Es geht dabei auch um Glaubwürdigkeit und Transparenz. Vielleicht wird in der Formel 1 auch in Zukunft über die Reifen gesprochen – aber nur, falls es Probleme gibt und zum Beispiel die Gummimischung nicht zur Strecke passt oder die Qualitätskontrolle einen Fehler übersehen hat.“
Pat Symonds vom Renault F1 Team und Ross Brawn von Ferrari - zwei der führenden technischen Manager der Formel 1 - sagen übereinstimmend, dass ihre Autos und Motoren in dieser Saison etwa auf demselben Niveau liegen und die Reifen den Ausschlag geben. Verstehen Sie das als Lob oder Kritik?
Frédéric Henry-Biabaud „So eine Feststellung schmeichelt Michelin und den Reifenherstellern generell. Es ist unser Job, die bestmöglichen Produkte zu entwickeln und bereitzustellen. Die Entwicklung neuer Mischungen und Konstruktionen, ihre Verschmelzung miteinander, bringt einen Vorteil, der einigen Dutzend PS entspricht. Solche Leistungssprünge kosten erheblich weniger als eine Motorenausbaustufe. Diese Facette des Sports irritiert einige Menschen und frustriert jene, die sich für die falsche Mischung – oder den falschen Partner – entschieden haben. Heutzutage haben die Teams die Option, ihre Performance durch die Wahl einer aggressiven oder weniger aggressiven Laufflächenmischung zu steuern. Wenn die Formel 1 zu einem Alleinausrüster zurückkehrt, entfällt diese Option und ich glaube, dass darunter leider die Teams mit dem kleinerem Budget leiden werden.“
Im Moment kann jedes Team spezifische Reifentypen ordern, die exakt auf seine Bedürfnisse abgestimmt sind. Besteht bei einem Alleinausrüster nicht das Risiko, dass einige Teams mit den gelieferten Reifen nicht zurecht kommen?
Frédéric Henry-Biabaud „Das hängt entscheidend davon ab, wie weit die FIA das Geschehen kontrolliert. Seit 2001 haben uns – aus einer Vielzahl von Gründen – eine große Anzahl Teams gebeten, sie zu beliefern. Es war kein Zufall, dass wir vergangenes Jahr 70 Prozent des Starterfeldes ausrüsteten. Die Teams sind zu uns gekommen, weil sie die Performance der Michelin Produkte überzeugte und weil – wie sie uns sagten – sie bei uns echte Gleichbehandlung garantiert sehen. Dies ist in der Tat ein Punkt, auf den wir sehr viel Wert legen. Es handelt sich um einen Eckpfeiler unserer Philosophie und kommt in jeder Motorsport-Kategorie zum Tragen, in der wir uns engagieren.“
Was wird nach dem Saisonende mit der Formel 1-Abteilung bei Michelin geschehen? Wird das Unternehmen eine Forschungsgruppe einrichten, damit die technologischen Errungenschaften der vergangenen sechs Jahre nicht verloren gehen? Auf diese Weise könnten Sie weiter Ideen entwickeln …
Frédéric Henry-Biabaud „Unsere bisherigen Investitionen in die Formel 1 werden auf verschiedene Gebiete umgeleitet – Motorradrennen, Rallye, GT-Serien und vor allem in Langstreckenrennen, die zu einer immer wichtigeren Bühne für neue Technologien werden. Unser Ziel lautet weiterhin, alle unsere Partner – Privatiers genauso wie Hersteller – in die Lage zu versetzen, ihre Leistung zu verbessern. Als Michelin 2001 in den Grand Prix-Sport zurückkehrte, haben wir alles an Wissen und Erfahrung zusammengetragen, was wir in anderen Rennserien weltweit erworben haben. Wir brachten unsere fähigsten Ingenieure und unsere besten Forschungsstandorte ein, um Gummimischungen, Konstruktionen, Profile und Materialien weiterzuentwickeln. Es liegt in der Natur der Sache, dass dieser Prozess am Ende des Jahres umgekehrt läuft. Auf diese Weise werden wir in jeder anderen Motorsportdisziplin, in der wir uns in Zukunft engagieren, große Fortschritte machen. Sechs erfolgreiche Jahre in der Formel 1 sind ein Katalysator für weitere Erfolge. Der Motorsport gehört seit mehr als 110 Jahren fest zur Unternehmenskultur der Michelin Gruppe. Für uns ging es nie bloß um Marketing. Wir wissen, dass die Entwicklungsarbeit im Motorsport – besonders auf WM-Ebene – zur Verbesserung aller unserer Produkte und Dienstleistungen beiträgt. Unser Motto lautet: ,Echter Wettbewerb, so wie Michelin ihn versteht, ist das beste Forschungslabor.' Das können wir nicht oft genug wiederholen.“
Wie sehen die längerfristigen Ziele von Michelin im Motorsport aus?
Frédéric Henry-Biabaud „Motorsport ist ein integraler und zentraler Teil der Konzernstrategie, wenn es um frische technologische Entwicklungsrichtungen geht – eine starke Basis für die Zukunft. Überdies dient der Rennsport als großartige Motivation unserer Belegschaft, er kann in Sachen Markenbekanntheit und manchmal auch Image sehr wertvoll sein. Der Sinn des Wettbewerbs besteht darin, in allen Bereichen Fortschritte zu erzielen, von denen unsere Partner in der Automobilindustrie, unser Händlernetzwerk und unsere Kunden profitieren. Die Philosophie von Michelin lautet, Reifen für morgen zu entwerfen und zu produzieren, die in puncto Sicherheit und Leistung noch besser sind als die heutigen. Und das bezieht sich gleichermaßen auf Serien- wie Motorsport-Produkte.“
In der Rallye-Weltmeisterschaft deutet sich an, dass für die Werksteams im kommenden Jahr nur ein Reifenhersteller bereitsteht - die Michelin Konzernmarke BFGoodrich. Wie steht das Unternehmen dazu?
Frédéric Henry-Biabaud „Unser Standpunkt ist absolut klar: Wir lehnen das Prinzip eines Alleinausrüsters in einer wichtigen Weltmeisterschaft ab. Wenn wir die Rallye-WM betrachten, muss man jedoch festhalten, dass wir anders als in der Formel 1 immer sehr gut mit allen Beteiligten - der FIA, den Teams und unserem Wettbewerber – zusammengearbeitet haben, um die Kosten drastisch zu senken. Im Licht dieser Arbeitsergebnisse und wegen der Glaubwürdigkeit der abgeleiteten Vorschläge wurden wir gebeten, an der Entwicklung der zukünftigen Reglements mitzuarbeiten. Dazu wurde eine vom Technischen Delegierten der FIA geleitete Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Darin möchten wir wie bisher ausgewogene, professionelle Diskussionsbeiträge liefern. Die Resultate sollen noch vor Ende 2006 dem Motorsport-Weltrat der FIA zugestellt werden. Bevor dieses Werk nicht vorliegt, möchten wir öffentlich nicht die eine oder andere Richtung favorisieren. Was in diesem Zusammenhang wichtig ist: Die Marke BFGoodrich, die in der Rallye-WM und bei Rally-Raids die Michelin Gruppe offiziell vertritt, unterliegt nicht denselben Überlegungen wie eine seit Jahrzehnten führende Weltmarke wie Michelin. Wir haben mehrfach festgestellt, dass ein Engagement im Motorsport, selbst als Alleinausrüster, einem Reifenhersteller durchaus höhere Markenbekanntheit eintragen kann – nehmen Sie nur unseren aktuellen Mitbewerber in der Formel 1. Auch diesen Faktor müssen wir stets berücksichtigen.“ |  |