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2003-12-05 10:14:52 - ks
NASCAR: Der erste Deutsche in der NASCAR

Alex Müller: zwei Truck-Rennen als Basis für erste volle Saison
Im Jahr 2003 wurde ein neues Kapitel Motorsport-Geschichte aufgeschlagen. Zum ersten Mal streckt ein Deutscher sein Fuß in den NASCAR-Sport – jene ur-amerikanische Motorsport-Sparte, die seit ihrer Gründung vornehmlich von Südstaatlern beherrscht wurde, in den USA aber mittlerweile zur zweitgrößten und –lukrativsten Sportart hinter dem American Football der „National Football League“ gewachsen ist.

Alexander Müller hat nun als erster Deutscher einen Fuß in die NASCAR-Tür gestellt. Der 24-Jährige aus Rees am linken Niederrhein bestritt in diesem Jahr zwei Rennen zur NASCAR-Craftsman-Truck-Series. Bevor der frühere BMW-Werksjunior in der Formel 3000, dessen Förderprogramm mit dem Oreca-Team aus konzernpolitischen Gründen eingestellt worden war, in die offizielle Dritte Liga im NASCAR-Gefüge einsteigen konnte, musste er bei fünf sogenannten „Late Model“-Rennen in umgebauten Gebrauchtwagen antreten.

Mit diesen Debüt-Rennen auf den kurzen Ovalen von Hickory und Caraway, jeweils im NASCAR-Heimat-Bundesstaat North Carolina, löste Müller seine Lizenz für kurze Ovale. Nur auf dieser Rennlizenz kann man in den Staaten aufbauen, um eine Fahrerlaubnis für NASCAR-Rennen in längeren und schnelleren Ovalkursen zu lösen. „Außerdem braucht man die ´Late Model´-Rennen, um erste Erfahrungen im Oval zu sammeln“, betont Müller die Wichtigkeit der auf Klubsport-Niveau angesiedelten lokalen Rennen. „Das Bild, das die Deutschen vom NASCAR-Sport haben, ist meistens falsch. Es geht dabei um weit mehr als einfach nur Im-Kreis-Fahren.“

Beim Umgang mit den 500 PS starken und 1,2 Tonnen schweren „Late Models“, die auf einem einfachen Rohhrahmen-Chassis aufgebaut sind, kam Müller seine Erfahrung von einem Test für die Indy Racing League im Frühling im kalifornischen Fontana zugute. „Ovalfahren kannte ich ja schon von den Indy-Tests. Aber die ´Late Models´ waren für mich dennoch eine Umgewöhnung – denn ich bin in meinem Leben zuvor noch nie in einem Tourenwagen gefahren. Nach zwei Rennen hatte ich ungefähr ein Raumgefühl für diese Autos entwickelt.“

Den ersten Gehversuchen folgte im Sommer der Einstand in der NASCAR-Craftsman-Truck-Series im Indianapolis Raceway Park, einer Miniaturausgabe des legendären Indianapolis Motor Speedway in etwa sechs Kilometer Entfernung des gigantischen Ovals gelegen. Müller pilotierte am Vorabend des „Brickyard 400“ einen Chevrolet-Pritschenwagen – 1800 Kilogramm schwer, 800 PS, vier Gänge, Höchstgeschwindigkeit 295 km/h, Runden-Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem gut ein Kilometer langen „IRP“-Oval 173 km/h.

Müller qualifizierte sich für Startplatz 31. Im Rennen verrennt sich das Einsatzteam, in das Müller für seine Feuertaufe eingemietet worden war, bei der Abstimmung. Die muss im Ovalsport durch permanentes Verstellen von Radlasten, Verdrehen des sogenannten Panhard-Stabes zur Verlagerung des Rollzentrums im Heck, Verstellen der Federraten und Anpassen der Luftdrücke an die sich verändernde Fahrbahnbeschaffenheit angepaßt werden. „Wir haben versucht, ein Übersteuern aus dem Zeittraining wegzukriegen. Aber das ist im Rennen prompt zu einem Untersteuern geworden“, lernte Müller gleich mal die Unbill des Kreisverkehrs kennen. „Kurz nach Halbzeit des Rennens ist das Untersteuern dann plötzlich in ein Übersteuern übergegangen. Deswegen bin ich einmal kurz in die Mauer gerutscht.“

Erst kurz vor Schluß gelang den Mechanikern der entscheidende Kniff: Die Vorspannung der hinteren rechten Feder wurde geändert. „Da lag das Auto endlich neutral“, freute sich Müller – der sich auf die 26. Stelle wieder nach vorn arbeitete und sich nach einer Überrundung durch den Viertplatzierten plötzlich mühelos in dessen Windschatten klemmen und halten konnte.

Der zweite Truck-Auftritt erfolgte im Herbst auf dem ultra-kurven „Bullring“ von Martinsville, der wegen seiner besonderen Bauweise auch besonders schwierig ist: Die überhöhten Kurven bestehen aus Beton, die Geraden aus normalem Asphalt. Entsprechend unterschiedlich ist das Gripniveau. Und weil sich auf weniger als 800 Metern Rennbahn knapp 40 Trucks tummeln, geht es auch eng und hart zur Sache.

Vor dem heimlichen Saisonhöhepunkt der Truck-Series, die alljährlich auch einige der hochbezahlten Stars aus dem großen Winston-Cup anlockt, bereitete sich Müller auf seinen ersten Einsatz im Chevrolet-Werksteam von Bobby Dotter mit einem Shakedown in Caraway vor. Dort war er auf Anhieb schneller als NASCAR-Winston-Cup-Ass Elliot Sadler und blieb nur wenig hinter der Bestzeit von Truck-Kurzstrecken-Star Dennis Setzer zurück.

Nach dem viel versprechenden Test hatte Müller sich fürs Rennen in Martinsville mehr ausgerechnet als Startplatz 31. „Aber unsere Motorcharakteristik passte nicht zur Strecke“, musste er einsehen. „In Caraway musst du das Auto permanent am Rollen halten. Dafür war der Motor optimal, und entsprechend konnte ich mich beim Test auch gut in Szene setzen. Doch in Martinsville musst du den Wagen vor den Kurven von 250 km/h auf 80 km/h zusammen bremsen. Dann brauchst du natürlich Drehmoment, um das Auto wieder in Schwung zu bringen. Genau dieses Drehmoment hat uns gefehlt.“

Weil es im NASCAR-Sport vor allem auf die Piloten und weniger auf High-Tech ankommt, konnte das Team die Motorcharakteristik nicht – wie in Europa üblich – durch ein anderes Kennfeld ändern. Zum Einbau von anderen Nockenwellen und Vergaserdüsen fehlte die Zeit, sodass Müller sich auch im Rennen mit der unpassenden Motorcharakteristik plagen musste.

Dennoch ackerte er sich schnell bis auf die 18. Position nach vorn. Doch dann fiel bei einem etatmäßigen Boxenstopp der hintere rechte Schlagschrauber aus. Die Mechaniker mussten das Gegenstück von vorn rechts nach hinten befördern; wertvolle Sekunden verrannen, Müller fiel auf Rang 28 wieder zurück. Vorn dort arbeitete er sich erneut bis auf die 22. Stelle nach vorn. „Dann hat sich vor mir einer gedreht; ich habe versucht, nach außen auszuweichen, aber der sich Drehende schoß auch nach oben und hat mich in die Mauer gedrückt.“ Der Karosserieschaden nach diesem unverschuldeten Unfall zwang Müller zu einem zusätzlichen Reparaturstopp an die Box – und konnte deswegen letztlich nicht mehr als Platz 25 retten. „Wenn die Probleme mit dem Schlagschrauber nicht gewesen wären, dann hätte ich unter die ersten 15 fahren können“, analysierte Müller. „Das wäre ein vorzeigbares Ergebnis gewesen.“

Dennoch haben die kampfstarken und kontrollierten Fahrten des ersten Deutschen im NASCAR-Gefüge die Aufmerksamkeit der US-Amerikaner erregt. Müller soll im nächsten Jahr eine volle Saison in der NASCAR-Craftsmen-Truck-Series bestreiten. Der Pfälzer Christian Kuhn, der lange in den USA gelebt und gearbeitet hat, baut dazu gerade ein ganz neues Team auf, das in den früheren Werkshallen von Alan Kulwicki – NASCAR-Winston-Cup-Sieger 1992 – angesiedelt werden wird. „Dieser Sport ist eine andere Welt als alles, was in Europa bekannt ist“, vergleicht Müller. „Man muß als Fahrer vieles neu lernen – aber gerade darin liegt der Reiz. Ich habe mich persönlich zwar bislang immer für eine Karriere im Formelsport konzentriert. Doch das heißt nicht, dass die NASCAR für mich eine Notlösung ist – ganz im Gegenteil. Ich sehe die NASCAR als eine Riesen-Herausforderung – erst recht, weil es bislang noch keinem Nicht-Amerikaner gelungen ist, dort Fuß zu fassen. Ich wäre stolz drauf, wenn mir das gelingen sollte. Und ich verfolge den NASCAR-Sport auch schon, seit ich klein bin. Ich habe im Alter von 13 Jahren angefangen, die NASCAR-Übertragungen auf Eurosport zu gucken. Damals fuhr Jeff Gordon schon, und ich fand das alles unheimlich spannend. Jetzt ist das für mich eine ganz andere Geschichte – aber immer noch unheimlich aufregend.“
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