F1: Trulli: „Die F1 gibt nach außen hin kein schönes Bild ab“
Trulli blickt noch nicht durch die neuen Regeln durch
Er gehört ohne Zweifel zu den größten Talenten im Formel 1-Fahrerlager: Jarno Trulli, 28-jähriger Italiener mit finnischem Vornamen, startet in diesem Jahr in seine siebte Grand Prix-Saison. Als Pilot des Renault F1 Teams vertraut der Single aus Pescara auf Rennpneus von Michelin – was er für einen großen Vorteil hält. Im Interview offenbart der zweimalige Kart-Weltmeister seine Ansichten zu seinen Erfolgs-Chancen und dem neuen Reglement, zu Teamkollege Fernando Alonso sowie der Bedeutung der Reifen für ein siegfähiges Formel 1-Paket.
Die Formel 1 erlebt aufgrund einer Vielzahl neuer Regeln und Bestimmungen derzeit einen drastischen Umbruch. Blickst Du noch durch, was gilt und was nicht?
Ehrlich gesagt: nein. Ich habe meinem Team gesagt: Gebt mir Bescheid, wenn alles geklärt ist. Aber bis dahin möchte ich davon eigentlich nichts mehr hören.
Wie beurteilst Du die Reformen?
Derzeit wirkt alles noch konfus und verwirrend. Die Formel 1 gibt nach außen hin kein schönes Bild ab. Einfach ist es für niemanden. Die vielen neuen Regeln kommen auf jeden Fall viel zu spät und werfen zahlreiche Fragen auf. Viele Antworten fehlen noch. Ich glaube, derzeit steht das Faxgerät bei den Teams und auch bei der FIA kaum noch still. Mit Sicherheit wird das beim Saisonauftakt in Melbourne für zahlreiche Diskussionen sorgen...
Bringen die eingeschränkten Reparaturzeiten zwischen Qualifying und Rennen Sicherheitsprobleme mit sich?
Ich glaube ja. Die Mechaniker müssen sich in der verbliebenen Wartungszeit mächtig beeilen, das provoziert Fehler – und beeinträchtigt dadurch natürlich auch die Sicherheit für uns Fahrer.
Zwei einstündige Einzelzeitfahren am Freitag und Samstag entscheiden ab dieser Saison über die Startaufstellung – findest Du das neue Qualifying-Format gut?
Das ist doch kein Qualifying mehr. Wir werden vermutlich die Rennstrategie schon vor dem Zeitfahren festlegen müssen. Vielleicht ist es attraktiv für die Show und die Zuschauer, aber die Bedeutung des Qualifyings sinkt dadurch.
Was hältst Du von der Idee, am Freitag vor dem Grand Prix an einem zweistündigen privaten Training teilzunehmen, während das Team im Gegenzug dafür während der Saison nur noch 20 Auto-Testtage absolvieren darf?
Wer gut organisiert ist, der kann an diesen 20 Auto-Tagen viel erreichen. Und wer sich richtig auf die jeweilige Rennstrecke vorbereiten kann, hat sicher auch einen Vorteil. Aber ehrlich gesagt: Ich weiß es noch nicht, was richtiger oder besser ist.
Wie interpretierst Du die Ergebnisse der Wintertests?
Die Zeiten, die dort gefahren werden, sind sehr verwirrend. Niemand weiß, wer mit welchem Gewicht auf die Strecke geht. Besonders jene Teams, die noch Sponsoren anlocken müssen, bluffen gerne. Erst in Melbourne werden wir Klarheit haben.
Startet Ihr in Melbourne mit dem 2002er-Auto, so wie McLaren und Ferrari, oder bereits mit dem neuen R23?
Diese Frage stellt sich für uns nicht: Unser neuer Formel 1-Monoposto ist so viel schneller als sein Vorgänger, dass wir darauf keinen Gedanken verschwenden müssen.
Ferrari und McLaren wollen auch die Karte „Zuverlässigkeit“ ausspielen – gerade bei den ersten Saisonläufen ist die Ausfallquote traditionell sehr hoch.
Wir konnten mit der Mechanik des neuen Autos bereits sehr früh zum ersten Test ausrücken, genau genommen am 26. November. Vom ersten Meter an lief das neue Auto wie eine Schweizer Uhr – wir hatten nicht das kleinste Problem, obwohl wir wirklich eine Menge neuer Teile und Entwicklungen ausprobiert haben. Fernando Alonso hat dann Mitte Februar das Aerodynamik-Paket zum ersten Mal getestet – es scheint ein immenser Fortschritt zu sein.
Warum hat Renault F1 die Entwicklung der Aerodynamik so lange herausgezögert?
Je mehr Zeit unsere Strömungstechniker im Windkanal verbringen können, desto besser sind die Ergebnisse – ganz einfach.
Dein Team hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt für 2003: Patrick Faure, der Präsident von Renault F1, verlangt mindestens vier Podestplatzierungen bis zum Jahresende...
Wir gehen sehr zuversichtlich in die neue Saison. Unser neues Auto hat großes Potenzial und ist bereits jetzt sehr viel schneller als das Vorjahres-Fahrzeug. In der Formel 1 ist alles möglich, auch wenn es für uns sicher nicht einfach werden wird.
Wen siehst Du für 2003 als Euren größten Rivalen an?
Ich rechne mit Williams und McLaren – und das sind harte Gegner. Mittelfristig wird Toyota einmal als großer Herausforderer heranreifen, aber auch BAR und Sauber. Selbst Jordan sollte man nie unterschätzen.
Wie steht es mit der Konkurrenz im eigenen Lager?
Mit Fernando Alonso verstehe ich mich sehr gut – er spricht italienisch (lacht). Im Ernst: Er ist ein netter Kerl und arbeitete ja schon im vergangenen Jahr als Testfahrer für uns. Er braucht ein ähnliches Fahrwerks-Set-up wie ich, das ist natürlich von Vorteil. Klar ist er unglaublich schnell, aber das beunruhigt mich nicht. Einen Teamkollegen zu haben, der mich zur Höchstform anspornt, finde ich ehrlich gesagt gut.
Mit Allan McNish hat Renault F1 einen routinierten Sportwagenpiloten und ehemaligen Formel 1-Fahrer als Tester engagiert. Helfen Dir seine Aussagen über Euer Auto?
Allan liefert den Ingenieuren ein enormes Feedback, seine Aussagen waren bisher sehr brauchbar. Er soll bei uns die Entwicklung vorantreiben.
Was sagst Du zur Überhol-Problematik in der Formel 1?
Ganz eindeutig würde es mir sehr gefallen, wenn wir wieder mehr überholen könnten. Aber was dafür geändert werden müsste? Ich habe keine Ahnung. Ich mache aber auch nicht die Regeln. Doch es stimmt: Manche Formel 1-Rennen sind sehr langweilig. Manche Kurse passen nicht mehr zu den gestiegenen Geschwindigkeiten und der immer hochgestocheneren Technik.
Auf welcher Strecke ist es für Dich am einfachsten, einen Konkurrenten zu überholen?
(Überlegt) Nun, Spa war okay… (Überlegt lange weiter…)
Danke für die Antwort. Wirst Du den Großen Preis von Belgien vermissen?
Den meisten Fahrern wird Spa-Francorchamps fehlen. Ich mag diese Strecke. Wo wir fahren, dies liegt jedoch nicht in der Entscheidung von uns Piloten.
Deine Meinungen zum Thema HANS-System?
Niemand weiß, was mit HANS bei einem Seitencrash passiert. Da sind noch viele Fragen offen. Auch wenn es nicht sehr komfortabel ist – ich kann damit leben. Ich habe keine Ahnung, ob der Einsatz dieses Systems in 2003 wirklich Pflicht wird.
Kannst Du erfolgsversprechenden Formel 1-Nachwuchs aus Deutschland erkennen?
Da ist ein junger Mann namens Timo Glock, der ist mir aufgefallen. Auch Marcel Lasée, der ja schon für Jordan getestet hat, scheint sehr schnell zu sein. Generell aber kann ich derzeit ein richtiges Mega-Talent nirgendwo entdecken.
Welcher Weg in die Formel 1 ist Deiner Meinung nach der sinnvollste für junge Talente?
Das ist schwer zu sagen. Das muss jeder für sich selbst ganz individuell entscheiden, welche Karrierestufen für ihn die richtigen sind. Generell kann die Vielfalt an Nachwuchsrennserien, die es heute gibt, auch schnell in die falsche Richtung führen.
Welche Bedeutung besitzt heute noch die Formel 3?
Das ist eine Rennserie, die künftige Grand Prix-Piloten nicht auslassen sollten. Die Autos sind Formel 1-Rennern bereits sehr ähnlich, was das Chassis und die Telemetrie betrifft, aber auch die Abstimmungsarbeit des Fahrwerks und der Aerodynamik. Ein Formel 3000-Auto hat zwar eine größere Motorleistung, lässt sich aber nicht so präzise fahren.
Du selber hast ja gute Erinnerungen an Deine Formel 3-Zeit...
Ja, stimmt. 1995 bin ich – direkt aus dem Kart-Sport kommend – erst zur Saisonhälfte in die Deutsche Formel 3-Meisterschaft eingestiegen, aber trotzdem noch Vierter geworden. Ein Jahr später habe ich den Titel mit dem Benetton Junior-Team dann gleich gewonnen... Und in 1997 bin ich bereits für Minardi in der Formel 1 an den Start gegangen.
Was würdest Du heute fahren, wenn Du es nicht bis in die Formel 1 geschafft hättest?
Vielleicht Deutsche Tourenwagen Masters.
Oder Rallies? Das scheint seit Mika Häkkinens Debüt bei der Arctic Rallye en vogue zu sein...
(Lacht) Nein, lieber nicht. Auch auf Le Mans bin ich nicht so scharf.